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"Der Report der Magd" Margaret Atwood |
Düstere Zukunftsvisionen, die eigentlich nichts anderes sind als Warnungen und Lehren, nennt man "Anti-Utopien". Die "Anti-Utopie" ist ein ganz besonderes Genre der Literatur - sie kann nur eine Handvoll von Referenzwerken aufweisen, diese allerdings besitzen allerhöchste Qualität!. Ihre gesamte Sparte ruht eigentlich in der Hauptsache auf vier Werken: "Schöne neue Welt" von Huxley, "1984" von Orwell, "Fahrenheit 451" von Bradbury und "Wir" von Semjatin. Alle diese vier Bücher sind Klassiker der Weltliteratur und wurden von mir auch schon in meiner Bücherliste vorgestellt. Aber nun ist mir ein äußerlich unscheinbares Werk unter die Finger gekommen, das diesen Klassikern sehr nahe kommt, wenn es nicht gar ebenbürtig ist: "Der Report der Magd" von der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood! Ich versuche in meinen Buchvorstellungen vor allem immer EINE Frage zu klären: Warum sollte man genau dieses Buch lesen und was hat dieses Buch anderen voraus? Bei "Der Report der Magd" muss ich da sehr viele Dinge aufzählen, denn dieses Buch unterscheidet sich sehr stark von ähnlicher Literatur! Frau Atwood besitzt einen sehr eigenwilligen, aber keineswegs unangenehmen Erzählstil. Sie bevorzugt immer sehr knapp gehaltene, prägnante Sätze. Keine Verschachtlungen, kaum Fremdwörter, sondern sehr direkte und konkrete Aussagen. Das liest sich sehr schnell und klar! Dazu hat das Buch tatsächlich nur einen einzigen Handelstrang und ist aus der Ich-Perspektive geschrieben, was die Geschehnisse noch weitaus beklemmender und anschaulicher macht. Die Geschichte ist schnell erzählt. Nach einem Krieg innerhalb der USA wird aus einem der US-Staaten die fiktive Republik Gilead. Ein diktatorischer Gottesstaat voller Willkür, in der Frauen nahezu völlig rechtlos sind und versklavt werden. Von den großen Problemen erfährt der Leser fast nichts, denn die Protagonistin schildert nahezu ausschließlich ihre persönlichen Erlebnisse und ihre Gefühlswelt. Der Krieg muss auch radioaktive bzw. giftige Verseuchungen zur Folge gehabt haben, denn sehr viele Frauen sind seitdem unfruchtbar. Damit die "Kommandanten" (wen oder was sie kommandieren, erfährt man nicht) aber trotzdem Kinder zeugen können, werden ihnen sogenannte "Mägde" zugeteilt. Das sind junge Frauen (eigentlich rechtlose Gebärmaschinen), die auf entwürdigende Art und Weise vom Kommandanten (in Anwesenheit seiner Ehefrau) Kinder empfangen müssen. Die Hauptdarstellerin ist eine solche "Magd". Werden die Mägde nicht schwanger, dann werden sie zur "Unfrau" erklärt und müsse z.B. auf Giftmülldeponien Sklavenarbeit leisten. Auch haben die Mägde keinerlei Eigentum und dürfen das Haus auch nur zu zwei Anlässen verlassen: zum Einkauf (in Begleitung einer Spionin) oder zu öffentlichen Hinrichtungen. Dabei müssen sie rote Gewänder tragen und ihr Gesicht verhüllen. Außer den Mägden gibt es nur noch zwei weitere "Tätigkeiten", die eine Frau ausüben kann: Ehefrau eines wichtigen Mannes (blau gekleidet) oder "Martha" - das sind die grün gewandeten Dienerinnen. Aus diesen Gegebenheiten spinnt Frau Atwood eine äußerst berührende und feinsinnige Geschichte zwischen Erniedrigung und Würde, Angst und Hoffnung in einer ungewöhnlich fesselnden Erzählperspektive. Das Taschenbüchlein hat etwa 400 Seiten und kostet nur 9,- Euro. Bemerkenswert übrigens, wie es in diesem 1985 erstmals erschienenen Roman zu dieser Diktatur kommt! Ein von nicht genannten Kreisen initiiertes schreckliches Attentat in den USA wird den Islamisten in die Schuhe geschoben und dient als Vorwand für immer extremere Überwachungsmaßnahmen, die schließlich in der Ausrufung der diktatorischen "Republik Gilead" gipfeln. Da läuft heutzutage wohl jedem ein Schauer über den Rücken, wenn er diese Passage im Buch liest. Ein beängstigend prophetisches Buch. zurück zur Übersicht |